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Es ist keine Pause, wenn man dabei sein Handy in der Hand hält

Pause! Das heißt, ich kann machen, was ich will. Mich endlich entspannen… Dass sich diese beiden Dinge aber oft gegenseitig ausschließen, ist ein Problem.

Kennen wir echte Pausen überhaupt noch? Könnte sein, dass dem nicht so ist. Wenn man darüber nachdenkt, ist das irgendwie ein bisschen erschreckend.

Was ich will vs. was ich brauche

Was ich im ersten Moment will, wenn ich von einer Arbeitseinheit Pause mache, ist: Schokolade. Durch Social Media scrollen. Mehr essen. Mehr am Handy hängen. Das ist es schließlich, was ich mir in der Zeit, in der ich an einer Sache gearbeitet habe, verbieten muss. Oder?

Nur, weil mir das als Erstes einfällt, muss das aber nicht stimmen.

Und tatsächlich: wenn ich ein paar Sekunden länger nachdenke, hab ich das Gefühl, dass damit wirklich was nicht stimmt.

„Kognitive Ermüdung“ ist ein sperriger Begriff. Aber genau darum geht es hier. Wenn wir arbeiten, nutzen wir Ressourcen:

Wir treffen Entscheidungen, lösen Probleme, konzentrieren uns auf etwas. Das kostet Energie. Wir sind also (mindestens) kognitiv ermüdet.

Also wollen wir in einer Pause etwas machen, was uns keine Ressourcen kostet. Wir wollen keine Energie ausgeben – wir wollen welche bekommen. Akkus wieder aufladen. Wir wollen – um einfach nur das Gegenteil zu bemühen – keine Entscheidungen treffen, keine Probleme lösen, uns nicht auf etwas konzentrieren.

Das alles bietet das Smartphone in Griffreichweite an.

Scheinbar.

Aber das ist ein Denkfehler.

Ablenkung ist KEINE Erholung

Wenn ich durch Instagram scrolle, treffe ich in Wirklichkeit die ganze Zeit weiter Entscheidungen. Welches Reel schaue ich mir an? Folge ich dem Creator? Wonach suche ich als Nächstes? Like ich diesen Beitrag?

Das Hirn ist die ganze Zeit weiter aktiv und mit lauter winzigen Entscheidungen konfrontiert.

Das Hamsterrad-Gefühl: kenne ich echte Pausen überhaupt?

Vielleicht ist die Frage komisch.

Aber – wann hast du das letzte Mal irgendwo gesesssen und einfach nur die Gegend oder die Wand angestarrt?

Ohne das Gefühl, Zeit dabei zu verschwenden?

Ohne das Gefühl, eigentlich direkt wieder aufspringen zu müssen?

Anders gefragt: wie oft gönnen wir uns eine echte Pause (allein das Wort „gönnen“! Ich lasse es da stehen, weil es eine klassische Formulierung ist, aber es klingt falsch), wie oft atmen wir mal kurz bewusst durch und haben einen Moment, in dem wir nicht den Druck spüren, direkt weiterzumachen?

Was ich leider so richtig gut kenne, ist ein Gefühl permanenter Überforderung. Morgens stehe ich auf und funktioniere so herum. Frühstück machen. Dafür sorgen, dass alles bei allen morgens reibungslos läuft. Selbst fertig machen und an alles denken. Zur Arbeit. Arbeiten. Einkaufen, Essen kochen. Termine. Hausaufgaben. Haushalt. Versuchen, Selbstständigkeit aufzubauen. Hobbys, soziale Kontakte. Und dann ist es irgendwann abends, alle sind im Bett, und dann kommt sie um die Ecke und raschelt einladend mit der Popcorn-Tüte: Heyho, Revenge Bedtime Procrastination!

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Und irgendwie fühl ich mich dann echt nicht so, wie man sich nach einem langen Tag, an dem man eigentlich total gut funktioniert hat und an dem man eigentlich auch echt viel geschafft hat, fühlen sollte.

Ich nenne es das „Hamsterrad-Gefühl“.

Irgendwie hat dieses Gefühl aber gar nichts mit der Menge an Dingen, die an dem Tag los waren, zu tun. Oder wer kennt nicht solche Tage, wo man richtig viel zu tun hat, abends aber so eine positive Erschöpfung fühlt? z.B. im Urlaub nach einer anstrengenden Wanderung – oder nach der Organisation eines größeren Festes. Da spürt man abends genauso die Anstrengung, aber man fühlt auch eine innere Ruhe.

Warum ist das manchmal anders?

Ich glaube, das hat was mit fehlenden echten Pausen zu tun.

Der Default Mode des Gehirns

Was ich vor kurzem erst gelernt habe: das Gehirn hat eine Art Standard-Modus, das sogenannte Default Mode Network (DMN).

Dieser Zustand ist beim Lösen von Aufgaben und beim Treffen von Entscheidungen deaktiviert. Er kommt erst dann ins Spiel, wenn wir einfach nichts tun. Wenn wir tagträumen. Oder einfach in die Gegend starren. Er ist reizunabhängig.

Wo bin ich eigentlich hin?

Wenn wir zu viel um die Ohren haben – oder anders gesagt, wenn wir uns zu viel mit äußeren Reizen beschäftigen (müssen), nicht in die Pause kommen und eben nicht in diesen Default Modus, dann kriegen wir irgendwann das Gefühl, „nicht bei uns zu sein“.

Irgendwie ist dann der Kontakt zu uns selbst weg, zu unserem Inneren. Die Selbstwahrnehmung und Selbstreflektion kommt zu kurz oder findet gar nicht erst statt.

Das kann auf Dauer eine Menge unschöne Konsequenzen haben. Gefühle werden nicht nur zu wenig verarbeitet, sie werden erst gar nicht mehr richtig wahrgenommen. Ein diffuses Gefühl von Unzufriedenheit entsteht. Eine innere Unruhe. So ein gehetztes Gefühl. Es fehlt was.

Der Kontakt zu dir selbst, das ist es, was dann fehlt.

Darum nutzen wir den Default Mode so selten

Eins der Hauptprobleme ist Ablenkung durch Technologie. Natürlich.

Wie ich oben schon geschrieben habe: auf dem Smartphone scrollen ist keine Entspannung. Es ist kein Zustand, in dem wir in den Default Modus gehen können. Es ist Ablenkung. Wir reagieren.

Was ist mit Büchern? Fernsehen? Youtube?

Bei Romanen kann das DMN auf jeden Fall aktiv werden, und zwar so richtig. Bei Sachbüchern kommt es auf den Schwierigkeitsgrad an. Wenn du analysieren musst, Sachverhalte nicht sofort intuitiv verstehst, dann springt auch da wieder der Problemlöser in deinem Kopf an und schaltet das DMN ab.

Teilweise kann da sogar Fernsehen besser sein. Je nach Sendung ist es möglich, dass das DMN da aktiv werden kann. Wenn jemand z.B. Stille überhaupt nicht mag, die Sendung ihn aber nicht die Bohne interessiert, dann gehen die Gedanken trotz laufender Sendung auf Wanderschaft. Ich kann da allerdings nicht mitreden, mich lenkt das nur ab und ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal irgendwo einen Fernseher eingeschaltet habe. Für mich würde das jedenfalls damit nicht funktionieren.

Bei einem Youtube-Video ist das wieder anders. Hier wird man als Zuschauer ständig angesprochen und zum Beteiligen aufgefordert. Gebeten, das Video zu linken, zu folgen, „Schreibt’s in die Kommentare“ etc., und schon stehen wieder Entscheidungen und Reaktionen an – kein DMN.

Keine Pause ohne aktiviertes DMN

Man kann sagen, dass es ohne aktiviertes DMN keine echte Pause ist.

Das muss man sich so vorstellen: Ist die Problemlösung und Konzentration aktiv, wird Energie verbraucht. Und während des DMN-Gebrauchs wird die Energie wieder aufgefüllt.

Aber warum eigentlich? Das Hirn „arbeitet“ ja auch während des DMN?

Dazu muss man sich folgende Tatsache bewusst machen: das Gehirn arbeitet IMMER. Da ist ja nie wirklich Nichtstun angesagt.

Der Problemlösungszustand findet aber in anderen Hirnregionen statt als das DMN und verbraucht viel mehr Energie, in Form von Neurotransmittern und Glucose (Zucker). Das ist quasi Vollgas. Und das leert die Tanks viel schneller.

Das DMN verbraucht natürlich auch Energie, aber das ist gemütliches Tuckern auf einer Landstraße. Es wird viel weniger Kraftstoff gebraucht und der wird langsamer und gleichmäßiger verbraucht. Auch im Schlaf und beim Träumen ist das Hirn ja im Grunde aktiv – und trotzdem ist man morgens erholter als abends.

Was ist mit sozialen Kontakten?

Ob das DMN auch bei sozialer Interaktion aktiviert werden kann, hängt stark von der Persönlichkeit ab und auch von der Art der Interaktion.

Wenn man eher extrovertiert ist und sich seinem Gesprächspartner emotional verbunden fühlt und das Gespräch unterstützend und positiv ist, dann muss man ja kein Problem lösen. Man ist einfach man selbst und verstellt sich nicht. Ist man eher introvertiert, setzen einen Gespräche mit nicht so vertrauten Personen aber auch schnell mal unter Druck.

Es kommt immer darauf an, ob man eher in den Problemlösungs-Modus gehen muss oder einfach nur da ist.

Und jetzt? Wie oft muss ich mein DMN aktivieren?

Das war so die Frage, die ich mir gestellt habe, als mir das ganze Konzept klar geworden ist.

Vielleicht einmal am Tag für eine Stunde? Oder wie bei der Pomodoro-Methode so alle 25 Minuten? Einmal die Stunde für eine Minute? Oder reicht einmal die Woche, wenn man es dafür echt gründlich macht, ein paar Stunden hintereinander?

Ich habe angefangen, nach Hinweisen zu suchen, mir Konzepte auszudenken, Pläne zu machen. Und dann hat das irgendwie Stress erzeugt. Was, wenn ich mich nicht richtig erhole? Wenn ich das zu kurz mache? etc.

Wie oft, ist egal!

Okay, ich weiß nicht, wie allgemeingültig diese Überschrift bzw. Aussage ist. Aber der Kern dabei ist:

Darum geht es nicht. Also, um die genaue Länge oder den Zeitraum. Es geht nicht um die Dauer. Oder um einen exakten Rythmus, den man einhält. Es geht nicht um die richtige Bilanz und nicht um die perfekte Optimierung des Systems.

Es geht darum, umzudenken.

Ich kenne es von mir so, dass ich, wenn ich tagträume oder wirklich einfach nur open end in die Gegend schaue, sehr bald ein gehetztes Gefühl entwickle.

Ich muss doch weitermachen. Ich muss doch produktiv sein. Ich muss doch was schaffen.

Für mehr Tagträume, Wolken gucken und sinnloses Gequatsche.

Aber weißt du was? Das ist genau falschrum. Wir Menschen sind sowieso dafür gemacht, die ganze Zeit irgendetwas zu denken und irgendetwas zu tun. So funktioniert unser Gehirn. Siehe oben: es macht NIE Pause. Wirklich niemals. Ich meine, du bist ja wahrscheinlich auf meinem Blog gelandet, weil du nach Möglichkeiten suchst, noch mehr zu schaffen und noch mehr zu optimieren.

Und deswegen sollte unsere Grundannahme sein: wenn ich es schaffe, ein wenig tagzuträumen, ein wenig ohne Problemlösung einfach nur zu sein, ein wenig mein DMN zu aktivieren – dann ist das was Gutes. Dann habe ich auch was geschafft. Und zwar was Wichtiges.

Ja, gut, aber was heißt das jetzt konkret?

Das bedeutet, die Finger vom Smartphone und auch anderen Ablenkungen zu lassen, wenn man eine Pause hat – und einfach nur zu sein. Und wenn es nur die 5 Minuten zwischen zwei Pomodoros sind.

Das bedeutet, einfach mal nach oben zu gucken und die Wolken vorbeiziehen zu sehen – und danach zu lächeln und sich zu freuen, dass man gerade nichts getan hat.

Um dann festzustellen, dass man sich viel schneller erholt fühlt. Und auch noch produktiver wird.

Zusammenfassung

Unser Hirn hat (vereinfacht gesagt) einen Problemlöse- und Konzentrations-Modus und einen Default Modus.

Beide können nicht gleichzeitig laufen, sie schließen sich gegenseitig aus.

Richtige Pausen, bei denen wir Energie tanken anstatt sie zu verbrauchen, können wir nur im Default Modus (DMN) machen.

Und oft ist es das Wichtigste, umzudenken. Denn viele (ich leider auch) haben selbst Pausen schon durchoptimiert. „Oh, mein Pomodoro ist fertig, dann kann ich ja schnell mal noch das hier erledigen…“ In der Pause wird gar nichts „erledigt“.

Und das Smartphone verhindert den Pausenzustand. Social Media ganz besonders.

Wolken oder Sterne angucken ist keine Zeitverschwendung. Im Gegenteil.

Und wenn du auch deshalb einfach nicht entspannen kannst, weil die To Do-Liste unaufhörlich in deinem Kopf weiterrattert, lies gerne hier weiter: Braindump Methode – damit die To Do-Liste nicht in deinem Kopf weiterrattert

Bildquellen

Bild von freepik (Off/On)

Bild von freepik (Süßkram)

Bild von benzoix auf Freepik (Frau mit Smartphone, grüner Hintergrund)

Image by timolina on Freepik (Hamster im Korb)

Bild von freepik (Frau, die ein Buch liest)

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