Für wen räumst du auf? Wie ich gelernt habe, das für mich zu tun
Ich habe lange gedacht, ich mache das einfach „für mich“.
Denn „das macht man halt so“.
Dieser Satz war wie ein alter Mantel, der da irgendwie schon immer hing und den ich immer wieder angezogen habe, ohne groß darüber nachzudenken.
„Das macht man halt so.“
Wie selbstverständlich. Aber was da drin steckt, ist eigentlich ein ganzer Chor.
Was die eigenen Eltern früher wichtig fanden. Was man in Serien sieht. Was Freundinnen erzählen oder leben. Was auf Social Media präsentiert wird. Was meine Oma als Anmerkung in einem Nebensatz gesagt hat.
Alles, was ich nie hinterfragt habe.
Ordnung ist kein Feind.
Erwartungen, die nicht zu dir passen. Die sind der Feind.
Die Ordnungsbroschüre „So macht man das!“
Habt ihr die Broschüre gekriegt? Zum 18. Geburtstag oder so? „Wie eine ordentliche Wohnung auszusehen hat“? Ich hab sie nicht gekriegt. Nur dieses Potpurri an äußeren Einflüssen und dann das, was mein Kopf draus gemacht hat.
Und irgendwann war ich total erschöpft. Nicht vom Tun selbst. Darum geht es eigentlich nie. Erschöpft vielmehr von dem Versuch, etwas zu erfüllen, das nie wirklich meins, das nie wirklich ich war.
Hier bekommst du gleich einmal meine größten Aha-Momente im Kasten:
Was ich über Ordnung (und mich) gelernt habe
– „Das macht man halt so“ ist kein automatisch valider Grund. Das ist ein Sammelbecken für die Erwartungen anderer Personen.
– Das Bild von Ordnung, das nie meins war, ist immer zu anstrengen und vor allem nie genug.
– Wenn ich aufräume, um es für mich (und meine Familie) leichter und schöner zu machen, dann ist das viel einfacher und besser.
– Meine innere Stimme zu dem Thema ist ganz schön verbuddelt – aber wenn ich ihr Raum gebe, meldet sie sich.
– Ganz oft reicht eine kleine Sache. Nicht alles, nicht perfekt. Nur echt und genau das, was gerade gebraucht wurde.
Das Bild, das nie meins war
Es war nicht die eine konkrete Person.
Es war immer eine Mischung. Ein bisschen Pinterest-Ästhetik. Ein bisschen Familienerbe (noch aus den 50ern, da war das aus Gründen anders wichtig). Ein bisschen unausgesprochener Erwartungsdruck.
Kennst du das vielleicht auch?
Das Schwierige ist: Dieses Bild ist nie fertig, nie zufrieden. Es verschiebt ständig die Messlatte, ohne dass man das so richtig merkt.
Wenn es ordentlich ist, muss es auch gemütlich sein. Da war doch letztens dieses tolle Boho-Zimmer bei Pinterest, wie passt das zum Billy-Regal? Wenn es dann gemütlich ist, bitte auch Instagram-tauglich. Und wenn es das dann ist, dann auch dauerhaft, und zwar total easy nebenbei im vollen Alltag.

Kein Wunder, dass sich das wie ein Marathon anfühlt, obwohl man gerade mal 500 Meter am Stück schafft, ohne ungesund zu keuchen. Kein Wunder, dass die Energie irgendwann alle ist und man trotzdem noch nicht ansatzweise fertig ist.
Fertig.
Nach wessen Definition?
Und was ist, wenn du nur für dich aufräumst?
Nicht für deine Mutter und ihre Vorstellung, nicht für deinen Partner und seine Vorstellung, nicht für die Nachbarin, den nächsten Besuch oder Instagram-Follower.
Nur für dich.
Wie geht das eigentlich?
Weißt du überhaupt, wie dein Ordnungsempfinden aussieht? Was dir guttut? Unabhängig von dem Pinterest-Bild, das du gestern gesehen hast, und auch unabhängig von der perfekten Wohnung deiner Freundin, die du letzte Woche bewundert hast?
Ich musste das erst lernen. Und es war auch gar nicht so einfach, diese eine Stimme wieder zu hören.
Aber als ich sie gefunden habe, wurde irgend etwas stiller in mir. Und leichter. Als wäre da eine Last abgefallen.
Wie finde ich meine eigene Ordnung zwischen all den anderen?
Ich hätte eine zeitlang nicht mal sagen können, wie meine Vorstellung von Ordnung eigentlich aussieht.
Die anderen Stimmen waren einfach so laut, dass sie meine komplett überdeckt haben. Die Routinen waren zu fest (und zu anstrengend), die ich gar nicht selbst ausgesucht hatte (auch wenn ich das dachte).
Aber die eigene Stimme ist nicht weg. Sie ist nur leiser geworden. Und man kann lernen, sie wieder zu hören. Dann kann sie sogar eine Erleichterung sein, weil man die Dinge anders macht.
Es geht nicht darum, nur noch das zu machen, auf das man Lust hat. Ganz wichtig. Niemand sollte aufhören, das Klo zu putzen, nur weil es nervt. Das ist nicht das Thema dieses Artikels.
Die Frage ist: „Was ist mir wichtig – und warum ist mir das wichtig? Und bin das wirklich ich, der das wichtig ist?“
Was mir geholfen hat. Vielleicht ist was für dich dabei.
- Mitten im Tun: Stopp sagen, wenn du dich besonders gestresst fühlst. Vielleicht hast du nach einem langen Tag angefangen, die Fußleisten zu wischen und schaust schon rüber zum Staub auf den Büchern. Frag dich mal kurz: „Würde ich das jetzt auch machen, wenn das nie jemand sehen würde? Wenn nie jemand zuschauen würde? Wenn ich nie einen Kommentar, eine Bemerkung dazu bekommen würde?“ Diese Frage allein kann schon ein guter Perspektivwechsel sein.
- Ist das meins, oder ist das gelernt? Wenn dich etwas im Haushalt stresst oder du denkst „Das muss jetzt sein“, spul mal kurz zurück:Wo hab ich das gelernt? Wer hat das so gemacht? Will ich das wirklich für mich übernehmen? Oder war das damals einfach so? Das ist keine Wertung. Es geht nicht um Richtig oder Falsch. Nur um Bewusstsein.
- Nimm deinen Körper als Kompass. Wenn du etwas tust und dabei flacher atmest, genervt bist, dein Kiefer angespannt ist und du automatisch die Zähne fest zusammenbeißt: das ist jedenfalls kein Zeichen von Leichtigkeit. Dein Körper weiß oft schon vor deinem Kopf, ob etwas stimmig ist. Hör mal hin:Fühlt sich das einfach nur wie Erledigen an oder wie ein innerer Sprint gegen eine unsichtbare Uhr, einen unsichtbaren Maßstab?
- Eigenes Bild entwickeln – Stell dir vor, dein Zuhause ist ein Ort, den nur du allein beurteilst. Niemand sonst. Du darfst eine Wohnung einrichten, die niemals jemand anders betreten wird (zufällig ist sie genauso wie dein Zuhause). Wie würdest du es gern haben? NIcht perfekt, sondern echt. Was bräuchte es, damit du aufatmen kannst (und nicht beeindrucken)?
- Radikal liebevolle Nachsicht. Wenn du merkst, okay, die Fußleisten habe ich jetzt nur für den Besuch morgen geputzt – dann brauchst du kein schlechtes Gewissen haben. Das passiert automatisch. Das ist jahrelang konditioniert. Und es darf sich langsam verändern, nicht sofort. Du musst nicht auf einmal alles umkrempeln. Es reicht völlig, dir zuzuhören. Mit dir selbst in einem Ton, der nach Vertrauen klingt, zu sprechen. Keine Kritik. Die kommt ja schon genug von außen.
Ein paar pragmatische Tipps, wenn du deine Ordnung finden willst
- Setz dir einen kurzen Timer. Mach es dir lächerlich leicht. Nur 5 Minuten und mehr nicht. Stell dir den Wecker und räum nur in dieser Zeit auf. Danach ist Schluss. So entkommst du der „Alles oder nichts“-Falle. Perfektion wird durch Bewegung ersetzt. Vielleicht hängst du noch 5 Minuten im nächsten Zimmer dran, oder auch nicht.
- Sag laut: „Das reicht jetzt.“ Klingt komisch, aber das funktioniert. Sag wirklich laut in den Raum: „Das reicht für heute. Ich mach das morgen weiter.“ Du hast ganz sicher genug andere Sachen zu tun, als jede Ecke in der Wohnung zu schrubben. Und damit unterbrichst du den endlosen Strom von „nur noch kurz…“
- Mach Fotos für dich. Wenn du etwas erledigt hast (ein Regal, eine sortierte Schublade), dann mach ein Foto mit deinem Smartphone. Du musst es nicht irgendwo posten, es ist nur für dich. Dein Hirn sieht: „Ich habe doch was geschafft“, das motiviert und lässt deinen Kopf Dinge eher abschließen.

- Mach eine „Nicht heute“-Liste. Wenn dir alles zu viel für heute ist, weil du noch 1000 andere Sachen in deinem Kalender hast, dann schreib alles auf, was dir jetzt zu viel ist – und was du eigentlich machen wollen würdest – aber was du bewusst jetzt nicht machst. Fenster putzen. Altkleider sortieren. Die laufen nicht weg. Die warten, bis du Zeit hast. Das entlastet dich sofort – und du bleibst trotzdem handlungsfähig.
- Räume in deiner Reihenfolge auf. Ja, irgendjemand hat bestimmt irgendwo gesagt, dass du immer zuerst die Küche machen sollst, dann das Bad, und dann… Ist doch egal. Was stört dich gerade am meisten? Dort fängst du an. Was bringt dir jetzt Erleichterung? Das machst du zuerst. Du bestimmst.
- Denk dir dein eigenes kleines Ritual aus. Eine Aufgabe, die wirklich gemacht werden muss, nervt dich besonders? Vielleicht kannst du sie mit einem bestimmten Lied verknüpfen (bei mir sind das irgendwelche bescheuerten Ballermann-Hits, die ich sonst nie höre, aber beim Spülmaschine ausräumen läuft die Sache). Oder du machst dir immer einen besonderen Tee nach dem Wäsche aufhängen. Kleine Rituale sind wichtig, um dranzubleiben.
- Wenn gar nix geht, mach nur eine Sache. Überlege, was gerade am Dringensten ist, und wenn selbst das zu viel ist, mach nur einen Schritt davon. Schmeiß ein Müllstück weg. Lege einen Pulli zusammen. Wasche einen Schwamm aus und tue ihn in die Wäsche. „Eine Sache reicht heute echt“ ist ein gutes Mantra für überforderte Tage. Wirklich.
Bonus-Tipp: Wenn du Pause brauchst, dann mach eine Pause. Ordnung, die dich erschöpft ist eh nicht nachhaltig. Morgen schaffst du vielleicht etwas mit Leichtigkeit in 10 Minuten, was dich heute unter größter Anstrengung eine Stunde kostet. Der Haushalt läuft nicht weg, aber du läufst sonst leer.
Was sind meine Maßstäbe?
Ich putze das Bad nicht, „weil es sich so gehört“. Sondern weil ich mich in einem sauberen Bad wohler fühle. Das klingt total sinnlos und banal, aber in Wirklichkeit ist das ein riesiger Unterschied, den man beim Klo putzen wirklich merkt. Ich putze nicht für Gäste, die dann vielleicht gar nicht kommen. Sondern damit alle, die hier wohnen, sich wohl fühlen.

Wäsche lege ich nicht mehr direkt auf einmal zusammen, sondern in Etappen. Früher hätte ich gedacht, dass das echt faul ist. Aber heute weiß ich, dass das für mich funktioniert und mir Druck nimmt.
Ich habe aufgehört, das Kinderzimmer perfekt aufzuräumen. Weil ich gemerkt habe: mich stört das gar nicht. Ich habe einfach nur gedacht, wenn das Besuchskind zuhause erzählt, dass die Bücher da ganz durcheinander flogen, dann fällt das auf mich zurück. (Kein Kommentar.)
Ich mache mir eine Liste – und es ist nicht schlimm, wenn da Punkte drauf stehen bleiben. Das ist sogar eher die Norm. Ich habe eine extra Liste für Dinge, die nicht aufgeschoben und schon gar nicht aufgehoben werden können – und der Rest muss schauen, wie viel Energie ich noch habe. Früher habe ich versucht, alles abzuarbeiten. Jetzt stelle ich mir die Frage: Was bringt wirklich Entlastung, was muss wirklich erledigt werden? Und was ist bloß so ein „Ich denke, ich sollte…“-Punkt?
Noch ein kleiner Trick
Wenn du dir bei etwas unsicher bist, stell dir vor, jemand fragt dich:
„Warum machst du das eigentlich so?“
Und dann antwortest du ehrlich (nicht ideal). Du suchst die Antwort raus, die sich echt anfühlt. Wenn du sie findest: das ist deine Stimme und deine Ordnung.
Zum Mitnehmen
– Du darfst aufräumen, wie es dir gut tut und für dich und euch richtig ist. Nicht wie „man“ es macht.
– Deine Energie verdient Respekt und nicht endlose Selbstoptimierung.
– Ordnung ist kein Feind. Ordnung ist dein Freund. Erwartungen, die nicht zu dir passen – die sind der Feind.
– Deine eigene Stimme hörst du wieder, wenn du ihr zuhören willst.
Und vielleicht magst du dich ja heute einfach mal fragen:
Wofür mache ich das gerade?
Wenn du es für dich machst – dann ist es gut.
Wenn du es für jemand anderen machst und gar nicht recht weißt, wieso – darf das für heute auch einfach mal reichen?
Bildquellen
Bad putzen: Image by freepik
